„Wir müssen komplett verrückt sein. Welcher Idiot stellt sich im Urlaub den Wecker auf 4:30?“ – Originalton Gitta heute morgen als der Wecker in ihrem Handy losgeht. 

   Des Rätsels Lösung: Wir haben es uns in den Kopf gesetzt, auf dem Pico do Arieiro den Sonnenaufgang zu bewundern, nachdem uns das im Internet angeraten wurde. Und bis dahin braucht man laut Google Maps eine Stunde zwanzig Minuten. Geplante Abfahrtszeit: 5:30.

Also schnell los, Kaffee machen, Vesper vorbereiten und die Rucksäcke packen. Letzteres, weil wir vorhaben, nach dem Sonnenaufgang noch eine Stück weiter zu fahren und von dort aus auf den Pico Ruivo, den höchste Berg auf Madeira, hochzulaufen.
   Gut, fast nach Plan, um zwanzig vor sechs kommen wir dann auch los, draußen ist es noch finster, nur der fast volle Mond erhellt die Szene und malt einen großen Lichtklecks aufs Meer. So düsen wir am Samstag morgen ziemlich allein die Schnellstraße runter Richtung Funchal und von dort aus wieder hoch zum Pico Arieiro. Google macht sich anscheinend einen Spaß daraus, uns in Funchal durch möglichst kleine Sträßchen zu scheuchen, so schmal, dass wir zwischendurch den Eindruck haben, ein einer Einbahnstraße in der falschen Richtung unterwegs zu sein. Und dann kommt und auch noch ein Bus entgegen. Die einzige Chance, an ihm vorbei zu kommen, ist in eine Einfahrt reinzufahren, ihn passieren zu lassen und wieder raus und weiter.
Kurz nach sieben (geplanter Sonnenaufgang heute: 7:16) sind wir dann oben auf dem Parkplatz und eilen nach oben zum Gipfel und sind dann gerade noch rechtzeitig oben, um den wahrlich sehenswerten Sonnenaufgang zu genießen. Dadurch, dass die Wolken noch über dem Tal und dem Meer hängen, hat man fast den Eindruck, vom Flugzeug aus zu gucken. Wir sind zwar nicht ganz allein hier oben (ganz viele Menschen und ein kräftiger Wind), aber es ist wirklich beeindruckend.
   Nach dem Naturschauspiel kommt uns ein anderer Gedanke: Ist den Weg, den wir hier sehen, der rüber zum Pico Ruivo? Ist der vielleicht doch nicht ganz so schlimm wie teilweise im Internet beschrieben? Müssen wir wirklich erst noch mal eine Stunde Auto fahren oder gehen wir doch gleich von hier aus los? Ergebnis des Kriegsrates: Wir gehen mal los und schauen und wenn es zu schwindelig wird, dann drehen wir halt um, da passiert auch nix. Also zurück zum Auto, die Schuhe wechseln, die Rucksäcke auf den Buckel und los. Dank des frühen Aufstehens sind wir gegen viertel nach 8 Abmarschbereit.
Um es vorweg zu nehmen: Wir haben bis zum Pico Ruivo durchgehalten und der Weg ist absolut beeindruckend: Wahnsinns-Ausblicke, schmale, aber fast immer zumindest mit einem Seil gesicherte Wege, neben denen es teilweise senkrecht in den Abgrund geht. Hut ab vor Gitta, sie schiebt heute ihrer Grenzen eine ganze Ecke weiter raus. Auch für mich einer der schönsten Wege, die ich bisher gesehen habe. An einer Stelle glaubt man, einen Ausblick auf Mittelerde zu haben, ein paar Ecken weiter, glaube ich, in den Anden in Richtung Machu Picchu zu gehen. Aber auch körperlich ist der Weg ziemlich fordernd, es geht immer wieder über steile Stufen aus Stein sowohl runter als auch rauf. Auch ein paar Tunnel sind dabei, die ohne Handylampe schwer zu begehen wären. Der im Netz als „Stufen des Todes, fast senkrecht, wie auf einer Leiter“(O-Ton Landmeedchen.de) beschriebene Aufstieg entpuppt sich als Stahltreppe (nicht -Leiter), die zwar steil, aber durchaus gangbar ist. Nachdem wir die (4 Stück, eine frei schwebende, mit Durchblick nach unten) geschafft haben, sind wir uns ziemlich sicher, dass wir bis zum Pico Ruivo durchhalten. Nach gut dreieinhalb Stunden (also genau im Plan, wie auf der Wanderkarte beschrieben) sind wir am Rasthaus etwas unterhalb des Gipfels. Dort füllen wir unsere Wasserflaschen auf und gehen die letzten 60 Höhenmeter bis ganz rauf an. Von dort oben, dem höchsten Punkt auf Madeira (1861m) hat man einen supertollen Blick in alle Richtungen, auf der einen Seite bis runter zum Meer, auf der anderen in die weiteren Bergketten. Und Gitte hat das Gefühl, hier oben ihrem Papa ganz nahe zu sein. Ganz nebenbei verputzen wir hier oben auch noch unser Vesper, dass nach der Anstrengung doppelt so lecker schmeckt.
   Auch der Rückweg ist die Strapazen wert. Wir müssen zwar den gleichen Weg wieder zurück laufen, aber in die andere Richtung sind die Ausblicke nicht minder beeindruckend. Wir wundern uns nur immer wieder, dass wir bestimmte Stellen (egal ob rauf oder runter) wirklich schon mal unter unseren Tretern hatten. Was auch sehr beruhigend ist, ist die Tatsache, dass die Leute, die uns jetzt an den Abstiegen entgegen kommen, raufwärts genauso schnaufen wie wir heute morgen.
   A propos, hochsteigen und schnaufen: Leider ist die letzte Stunde des Weges dem Aufstieg gewidmet und das fordert unsere körperliche Leistungsfähigkeit bis aufs letzte. Das ist teilweise wirklich nur noch nach dem Motto „Schritt für Schritt weiter“ zu bewerkstelligen und für den Rückweg brauchen wir fast eine Stunde länger als hinwärts. Und das liegt nicht daran, dass Gittas eine Schuhsohle sich entscheidet, die Bindung zum Schuh aufzugeben. Sprich: Sie trägt die Schuhsole das letzte Stück im Rucksack zurück.
   Glücklich, aber total erledigt, gönnen wir uns in der Kneipe am Parkplatz zwei Franziskaner-Weißbier (sehr portugiesisch) und genießen die Aussicht bis runter aufs Meer. Das Zischen in unserer Kehle hört man bestimmt bis runter nach Funchal. Für den Abend haben wir uns das Restaurant O Forno in Ponta do Pargo ausgesucht, wo wir schon zwei Mal sehr lecker gegessen haben. Kurz vor der Ankunft stellt Gitta die entscheidende Frage am Samstag: „Sag mal, haben die nicht Freitag und Samstag zu?“ Und sie hat Recht, kurz darauf stehen wir vor verschlossenen Türen.
   Wir entscheiden und dafür, es etwas weiter unten in Pranzeres zu probieren, wo wir schon zwei Mal an einen ganz süß aussehenden Restaurant vorbei gefahren sind. Wie wir feststellen, gibt es dort nur drei verschiedene Pauschalmenüs: Thunfisch für Gitta und gegrilltes Kottelet für mich, beides superlecker. Danach noch einen Stück Kuchen und einen Espresso und der Abend ist geritzt.
Wir schaffen es dann noch gerade rechtzeitig zurück zum Sonnenuntergang bei uns auf der Terrasse und lassen unsere müden Gräten hängen. Morgen ist auf jeden Fall ein Ruhetag angesagt.